Klartext 06.09: Twitter? Kenn ich schon!
Liebe Leser:
Als ich 1992 bei Radio HUNDERT,6 Berlin meine berufliche Laufbahn in den Medien begann, hatten wir im Flur vier laute Kisten zu stehen, die auf Endlospapier laufend Nachrichtenmeldungen ausdruckten. Die Fernschreiber von dpa und Co. waren für unsere Nachrichtenredakeure die wichtigste Verbindung zur Außenwelt. Die Ticker-Meldungen dienten als Grundlage für Nachrichten, Wettterbericht und Verkehrsmeldungen.
Mit dem Einzug des Internets verschwanden die Schreibtelegrafen aus den Redaktionen von Hörfunk, Fernsehen und Zeitungen. Die Nachrichtenagenturen übertragen ihre Meldungen seit dem per Datenleitung direkt auf den Bildschirm. Doch wo ist der gute alte Fernschreiber mit seinen schnellen, aktuellen Meldungen geblieben? Während Werbebriefe als Newsletter wieder auftauchten und die Telefonie über das IP-Netz läuft, scheint der Telegraph verschwunden zu sein. Doch dem ist nicht so.
Micro-Blogging mit 140 Zeichen? Das kann nicht gut gehen!
2006 stellten ein paar junge Softwareentwickler aus San Francisco ihr neuestes Projekt vor: Twitter. Der als Microblog bezeichnete und laut Wikipedia mit rd. 22 Mio. $ VC-Mitteln finanzierte Dienst ermöglicht Kurznachrichten mit bis zu 140 Zeichen einschl. Links online zu veröffentlichen und sich mit anderen Nutzern zu vernetzen, um deren Meldungen zu verfolgen. Spätestens seit Anfang des Jahres fragt man sich auch in Deutschland, wozu das "Zwitschern" im Netz gut ist.
Noch heute können viele Unternehmen keine professsionellen Newsletter erstellen. Noch heute haben viele Unternehmen keinen Bezug zu Weblogs. Noch heute halten viele Unternehmer das Social Web für eine temporäre Erscheinung ohne Relevanz. Und jetzt auch noch ein SMS-Dienst via Web? Vor Kurzem entdeckte ich auf http://www.der-newsletter-experte.de/ einen Beitrag zu Twitter. Das Marketing-Experten jeden Trend zu Geld machen wollen, scheint logisch.
Twitter: Der gute alte Ticker aus der Nachrichten-Redaktion.
Der Newsletter-Fachmann Karsten Büttner verglich Twitter mit dem Telegraphen. Anstatt Twitter als Plattform für allumfassende Informationen zu betrachten, sieht er Twitter als einen Ticker, um Nachrichten, Blogeinträge oder Termine bekannt zu machen. Das erinnerte mich an die Fernschreiber beim Radio. Und genau das macht Sinn - nicht nur für Onliner, die den ganzen Tag im Netz unterwegs sind. Damit ist Twitter mit seinen weltweit 32 Mio. Nutzern relevant fürs Geschäft.
Redaktionen wie Spiegel oder Heise tickern ihre Meldungen über Twitter. Allein die Eilmeldungen des Spiegels haben mehr als 13.000 Abonnenten, Heise immerhin 5.000 Beoabachter. Dabei entscheidet jeder Nutzer, wem er folgt. Allerdings macht das Tickern nur Sinn, wenn man etwas zu berichten hat. Ich selbst tickere und kommentiere aktuelle Beiträge aus dem Web, die auch für andere interessant sind. Womit wir beim Thema Resonanz und Relevanz für Themen und Personen sind.
Was macht Twitter denn nun anders als andere Anderen?
Twitter unterscheidet in zwei Nutzergruppen: Aktiven Usern, die selbst "twittern" und denen man folgt. Allein im Mai '09 haben in Deutschland rd. 78.000 Nutzer selbst getickert. Von April auf Mai stieg die Zahl der aktiven Neuanmeldungen um 14.000. Die Hälfte aller aktiven "Twitterati" ist erst seit Februar d. J. dabei. Interessant: In Deutschland sind 78% auch nach einem Monat noch aktiv. Aktive Nutzer "twittern" nahezu täglich und haben rd. 120 eigene Beiträge verfasst.
Die zweite Gruppe sind passive Nutzer, die Anderen folgen. Im Mai besuchten rd. 966.000 Onliner in Deutschland http://twitter.com/ - so Nielsen. Allein http://twitterthemen.de/ kommt auf mehr als 100.000 professionelle deutsche "Tweets". Um interessante Neuigkeiten zu erfahren und mit netten Leuten in Kontakt zu bleiben, folgt man sich. Dabei schaut man sich das Profil und natürlich die "Tweets" des Anderen an. Twittert jemand spannende Geschichten, profitiert man davon.
Der US-Dienst HubSpot meldet weitere Fakten: So wird Twitter morgens zwischen 9.00 und 10.00 Uhr und nachmittags zwischen 15.00 und 17.00 Uhr intensiv genutzt. Gegen 22.00 Uhr erreicht Twitter den Höhepunkt der täglichen Nutzung. Dienstags bis Donnerstags wird besonders häufig "getwittert". Weltweit sind 70% aller "Twitterati" erst seit diesem Jahr dabei. Im Schnitt hat jeder Nutzer rund 70 "Follower". Erstaunlich: Gerade einmal 10% der Nutzer produzieren weltweit fast 90% aller Meldungen.
Die Schlüsselfrage: Wer ist bei Twitter eigentlich unterwegs?
Heute ist jeder zweite deutsche Twitter-Nutzer aus Medien oder Marketing. Thomas Pfeiffer von http://webevangelisten.de/ hat in seiner Umfrage noch mehr herausgefunden: 3/4 aller "Twitterati" sind Männer, 78% haben Abitur, rd. 25% sind Führungskräfte oder Unternehmer. Mit 32 Jahren ist das Durchschnittsalter jedoch weit entfernt von Freundes-Netzwerken - rd. 42% sind zwischen 35 und 49, laut Nielsen die größte Gruppe.
Deutsche Online-Stars wie Sascha Lobo haben mehr als 11.000 "Follower". Die Anzahl der Abonennten sagt allerdings kaum etwas über die Qualität des Netzwerkes aus. Erst wenn Nutzer auf Meldungen mehrfach antworten, kann von einer relevanten Beziehung gesprochen werden. 300.000 Accounts haben US-Wissenschaftler ausgewertet. Ergebnis: Rd. 13% der "Follower" zählen zum engeren Freundeskreis. 87% sind eher flüchtige Kontakte. Diese spielen für neue Ideen und deren Verbreitung jedoch die wichtigere Rolle.
Für wen macht Microblogging Sinn? Und für wen nicht?
Wie im ganzen Leben wird auch Twitter erst mit der Zeit interessant. Wenn ich über Wochen einer Person und seinen Meldungen folge, kann ich mir einen Eindruck zu seinen Themen, seiner Welt und damit zu ihm machen. So wird aus reiner Resonanz (durch lesen und abonnieren) Relevanz (durch bewerten und kommentieren). Erzählt ein Experte bei Twitter Unsinn, wird er durch seinen "Tweet" keine neuen Kontakte gewinnen.
Im Gegensatz dazu sorgen regelmäßige Beiträge schnell für neue "Follower": Bis zur Grenze von rd. 700 "Posts" steigt die Zahl der "Follower" auf bis zu 200 an. Dies ist die anfängliche Fleißphase. Nach dem Aufbau bedarf es noch rd. 100 regelmäßiger Beiträge, und die Zahl der Abonnenten steigt auf bis zu 500, so US-Wissenschaftler. Das ist die kontinuierliche Wachstumsphase. Rechnet man alle Backlinks zwischen Usern raus, gleicht das Twitter-Netzwerk einer langen Kette mit einzelnen Abzweigungen.
Empfehlungen in Echtzeit - da sieht Google blass aus...
Twitter dient vor allem der Aufmerksamkeit. Durch Übernahme und Verlinken einer Meldung verbreiten sich die 140 Zeichen in kürzester Zeit. So werden Einladungen zu Events auf Twitter zu einem Marketing-Tool. Barcamps und Webevents nutzen Twitter intern für Themen- und Raumänderungen, extern für die Beteiligung ihrer Communities. Ein weiteres Beispiel: Exklusive Einladungen an "Follower", um Software oder Videos zu promoten. Im Mittelpunkt steht dabei immer echter Nutzwert.
Blogger, Netz-Journalisten und PR-Fachleute greifen interessante "Tweets" auf, verlinken sie selbst und übernehmen sie in ihre Kanäle - wie Blogs, Ticker oder Newsletter. Es entsteht eine Welle der Aufmerksamkeit - vom Social Web über Online-Medien bis ins tägliche Leben. Damit ersetzt Twitter z. B. Google News - und bietet authentische Relevanz statt gekaufte Treffer. Nicht auszuschließen, dass Twitter eines Tages Teil von Google Wave oder einer anderen Plattform wird.
Einer der Schlüssel bei Twitter sind Dienste, die normale Weblinks auf bis zu 8-stellige Mini-Links verkürzen. So verzeichnet Newcomer Bit.ly allein 50 Mio. Klicks/Woche auf seine Kurzlinks. Populärster Dienst ist TinyURL, gefolgt von weiteren Anbietern aus den USA. Über die Kürzungsdienste lässt sich der Erfolg eines "Tweets" messen. So kann man die Popularität zu Themen und Personen nachvollziehen - die Grundlage für gesicherte Entscheidungen im Marketing.
Echte Aufmerksamkeit statt Angst vor Kontrollverlust.
Twitter funktioniert, weil es offen, einfach und schnell ist. 140 Zeichen einschl. Kurzlink sind in einer Minute online. In 2-3 Minuten hat man den Überblick, was die Anderen tickern. Und wenn ich dabei sein möchte, ist ein eigener Account ebenfalls in 1 Minute fertig. Durch größtmögliche Offenheit nach Außen hat Twitter höchste Relevanz für viele. Bis heute gibt es mehr als 370.000 deutschsprachige Tweets. Geschlossene Dienste - wie studiVZ oder XING - können da nicht mithalten.
Twitter steht für Aufmerksamkeit - und damit am Anfang der Vertrauensbildung. Erst danach folgen Blogs oder Online-Beiträge, die auf Interesse und Bekannntheit abzielen. Das passt. Und so wird dieser Klartext-Newsletter ab sofort nicht nur als Blogbeitrag unter http://thomas-keup.de/ stehen, sondern auch getwittert - unter http://www.twitter.com/ThomasKeup. Der Anfang ist gemacht. Und es gibt viele spannende Möglichkeiten.
Die PR-Spezialisten von http://talkabout.de/ haben allein mehr als 60 bekannte Marken, 120 Firmen, mehr als 300 Medien, über 150 Journalisten, 250 PR-Kollegen und über 20 Pressestellen mit deutscher Twitter-Präsenz gelistet. Hinzu kommen Branchen, wie Automotive, Banken, Messen und Kongressen, Tourismus oder die Bundesliga. Selbst die Bahn ist dabei - und spricht über Twitter junge Absolventen an.
Mein Tipp: Probieren Sie es aus. Lesen Sie ein paar Tweets - eröffnen Sie einen Account - und seien Sie dabei - offen und vernetzt!
Twitter als Ticker (@newsletternews):
http://tr.im/ne4g
Twitter für Events (@blueblog)
http://tr.im/o2S2
10 Gründe gegen Twitter (prdienst.de):
http://tr.im/nw6P
Hintergrund zu Twitter:
http://de.wikipedia.org/wiki/Twitter
Nachrichten zu Twitter (@derStandardat)
http://tr.im/nUFb
Deutsche Twitter-Umfrage:
http://twitterumfrage.de/
US-Studie zu Twitter (engl.):
http://tr.im/nD3k
Begriffe bei Twitter (@de_themen):
http://twitterthemen.de/
Themen-Suche bei Twitter (@trends_de):
http://www.twitter-trends.de/
Live-Suche von Themen-Tweets:
http://twitpipe.com/
Branchen-Liste zu Twitter (@talkabout):
http://deutsche-twitter-liste.de/
Reichweiten von Tweets:
http://tweetreach.com/
Und wenn Sie Fragen haben - "twittern" Sie mich einfach an - @ThomasKeup - Ich freue mich auf Sie!
Als Dankeschön gibt es eine exklusive Checkliste zum Twitter-Nutzen in der IT-Industrie.
Herzliche Grüße
Ihr
Thomas Keup


2 Comments:
Ein sehr interessanter Beitrag.
Social wird das Web aber erst dann, wenn wir unsere Quellen nennen. Sie haben viele spannende Statistiken, verlinken aber die Wenigsten. Einziger, wenn auch deutlicher, Kritikpunkt.
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Sachar Kriwoj, at 11. Juni 2009 14:07
Hallo Sachar: Danke für den Hinweis. Links sind nachgetragen.
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Thomas Keup, at 11. Juni 2009 15:36
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