Klartext 05.09: Das Wettrennen ist eröffnet.
Liebe Leser:
Am 23. Juni stellt Google auf der Innovations-Konferenz "Berlin Open '09" erstmals seine Openismus-Strategie vor. Der Suchmaschinengigant weiß: In der Internet-Gesellschaft gewinnt nur, wer offen ist. Damit sichert Google den Zugang zu seinem Geschäft und 20.000 Arbeitsplätze.
Auch in der Hauptstadtregion hat sich Einiges getan. Fast 600 Unternehmen verdienen in Berlin und Brandenburg ihr Geld mit offenen IT-Angeboten - die Hälfte von ihnen sind kleinere Anbieter. Fast 150 Mio. € setzen bis zu 9.700 Beschäftige in der Open-Source-Branche pro Jahr an der Spree um - allem voran mit Web- und Softwareentwicklung.
Auch der Berliner Senat hat nach vielen Jahren "Schweigen im Walde" das Thema entdeckt und mit der OSS-Potenzialanalyse eine Basis für die weitere Entwicklung gelegt. Ein Kernergebnis: Bei Softwareentwicklung, Forschungsvorhaben und Verbundprojekten sind die regionalen IT-Anbieter gut vernetzt. Bei Marketing und Vertrieb sieht es dagegen düster aus. Deshalb haben sich im vergangenen Jahr in Berlin verschiedene Netzwerke gebildet:
Der Berliner Linux-Unternehmer-Stammtisch
Die regionalen Fachleute, Freelancer und Unternehmer haben den monatlichen Stammtisch initiiert, um Erfahrungen auszutauschen, Experten einzuladen und Projektjobs zu vermitteln. Diese KMU-Plattform bietet die Möglichkeit, offen über Projekte und Kooperationen zu sprechen.
Der Arbeitskreis Open-Source-Software im SIBB
Der IT-Branchenverband hat einen Arbeitskreis für die vornehmlich mittelständischen OSS-Anbieter gegründet, um Strategien und Konzepte für die Mitgliedsunternehmen des SIBB zu entwickeln. Hier dreht sich alles um das Marketing und den Vertrieb von OS-basierten Angeboten.
Die Online-Gruppe Berliner Linux Unternehmer
Die XING-Gruppe BERLINUX bietet die Chance, sich online über OSS-Aktivitäten zu informieren, zu Veranstaltungen eingeladen zu werden und andere OSS-Mitstreiter kennenzulernen. Auf der offenen Plattform werden alle aktuellen Informationen veröffentlicht.
Die Basis für Marketing und Vertrieb ist gelegt
Damit gibt es in Berlin drei Plattformen, um Relevanz und Reputation für OSS-Lösungen herzustellen. In den kommenden Monaten geht es darum, praktische Möglichkeiten auszuwählen, mit Unternehmern Ideen und Projekte für ihr Marketing und ihren Vertrieb zu entwickeln und damit das OSS-Business zu fördern.
Ende 2011 werden 5,8 Mrd. EUR mit Open-Source verdient
Heute setzen bis zu 85% der Unternehmen in ihrem IT-Betrieb Linux und Freie Software ein, 3/4 seit mehr als 3 Jahren, so die Heise-Studie aus 2008. 40% aller IT-Jobs liegen im Open-Source-Business. 80 Prozent der kommerziellen Software wird laut Gartner bis 2012 Open-Source-Elemente enthalten. IDC sagt: Open-Source-Software ist der signifikanteste, umfassendste und langfristigste Trend, den die Softwareindustrie seit den frühen 80er Jahren erlebt hat.
Ein Drittel aller IT-Dienstleistungen werden mittelfristig in Verbindung mit Open-Source-Angeboten erbracht (siehe Geschäftsmodelle unten). Laut Berliner Studie fördern insbesondere Wirtschaftlichkeit, persönliche Überzeugung und die Softwarequalität OSS-basierte IT-Angebote. Offenheit und Transparenz in Konzeption und Umsetzung stehen ganz oben auf der Liste der Vorteile für Open-Source-Lösungen. Im Detail:
- Geschäftsprozesse offen und transparent zu gestalten und damit versteckte Kostenfallen aufzudecken (Prozesskosten)
- IT-Infrastrukturkosten transparent zu machen und damit Kostenhebel wirkungsvoll ansetzen zu können (IT-Betriebskosten)
- durch offene Anpassung der Software die Wirkung für Kunden tatsächlich zu erreichen und zu erhöhen (Passgenauigkeit)
- die Qualität der eingesetzten Software jederzeit offen überprüfen und damit sicherstellen zu können (Zuverlässigkeit)
- IT-Infrastrukturen herstellerunabhängig aufzustellen und damit Lizenzkosten langfristig zu reduzieren (Softwarekosten)
- Bestehende Infrastrukturen durch Open-Source-Lösungen flexibel und passgenau erweitern zu können (Skalierbarkeit)
1. Konzentration auf starke Zielmärkte, wie Pubic Sector, Health Care oder Medien
2. Entwicklung passgenauer OSS-Lösungen mit den bisherigen Lizenzausgaben
3. Ausbau von Dienstleistungen für Beratung, Entwicklung und Anpassungen
Free & Fee: Dreh- und Angelpunkt des Open-Source-Business sind fünf verschiedene Business-Modelle. Im Closed-Source-Geschäft werden 64 Prozentpunkte für Marketing und Vertrieb ausgegeben - hier setzt der Open-Source-Hebel an:
84% Plus - Das Open-Source-Service-Modell
Die Community übernimmt weitgehend die Entwicklung. Es gibt eine lizenzkostenfreie Version. Bei Entwicklung, Marketing, Vertrieb und Verwaltung werden 84 Prozentpunkte eingespart. Das Geld wird bei den Dienstleistern durch Anpassungen, Wartung und Pflege verdient. Beispiel: Debian/Linux
46% Plus - Das Open-Source-Marketing-Modell
Ein Hersteller übernimmt die Entwicklung, die Community die Lokalisierung und Erweiterungen. Es gibt Community- und Enterprise-Version. Bei Marketing, Vertrieb und Pflege werden 46 Prozentpunkte eingespart. Das Geld wir durch Anpassungen, Wartung, Pflege und Zusatzprodukte verdient. Beispiel: SUSE/Novell
86% Plus - Das Open-Source-Consortium-Modell
Unternehmen oder Verwaltungen finanzieren im Verbund die Entwicklung. Es gibt eine freie Version. Gewinn, Marketing und Vertrieb entfallen, Entwicklung und Pflege reduzieren sich. Es werden 86 Prozentpunkte eingespart. Ziel ist die Kostenreduzierung im eigenen IT-Betrieb - der Wettbewerb am Markt entfällt. Beispiel: Der Bund
NEU: Das Open-Source-Exploitation-Modell
Ein Unternehmen kombiniert, integriert und optimiert offene Entwicklungen. Neuerungen fließen zurück in die Community. Es entstehen Dienste für Web, Mail oder Suche und neue Produkte. Die Kosten für Entwicklung und Qualitätssicherung werden erheblich reduziert. OSS-basierte Angebote sind günstiger. Beispiel: Google/1&1
NEU: Das Open-Source-SaaS-Modell
Der Hersteller (Marketing-Modell) wird Partner der Integration (Exploitation-Modell). Es entsteht eine Plattform aus OSS-Basis (Service-Provider) und OSS-Dienst (Produkt-Angebot). Integration, Qualitätssicherung und Pflege übernimmt der Partner. Es entstehen günstige Angebot mit offenen Standards. Beispiel: OX/SugarCRM
Im Kern gibt es zwei Geschäftmodelle, die um die Gunst buhlen:
- Die Open-Core-Strategie setzt auf offene Quellen bei den Kernentwicklungen und verdient ihr Geld mit kommerziellen Anwendungen, Services, Erweiterungen und Ergänzungen. Dieses Bottom-up-Modell ist bereits weit verbreitet und wird u. a. von Google unterstützt.
- Die Microsoft-Strategie setzt auf geschlossene Quellen bei den Kernentwicklungen und gibt dafür Anwendungen, Erweiterungen und Ergänzungen frei. Das Geld wird mit Windows verdient. Dieses Top-Down-Modell hat der Software-Gigant als Strategie veröffentlicht.
Ob Asus-EeePC, Dell-Notebooks, Google-Suche, IBM-Server, Linksys-Router, SONY-Playstation, Symbian-Handy, TomTom-Navi, Vodafone-Software oder 1&1-Telefonie - Das Wettrennen um die Zukunft ist eröffnet. Die Sieger werden durch Offenheit gewinnen - und damit die IT-Industrie beflügeln.
Und wie offen sind Sie?
Ich freue mich auf Ihr Feedback, Ihre Anregungen und unsere offene, vernetzte Zusammenarbeit!
Herzliche Grüße
Ihr
Thomas Keup
Zum Nachschlagen:
Berlin Open 2009 - Innovationskonferenz mit Google (22./23.06.2009)
OSBF / Richard Seibt - Open Source Business Modelle (2009)
Participation in a World of Choice - Microsofts Position (2009)
Berliner OSS-Potenzialanalyse der TSB und MICUS (2009)
Trend-Studie Open Source von heise open und Wilken (2008)


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